Felix Helbok gewinnt Philosophie Olympiade in Vorarlberg!

Die Vorarlberger Philosophie Olympiade endete mit einem sehr schönen Ergebnis für unser Gymnasium: Felix Helbok (6d) gewann, Lorenzo Cappello (8c) belegte dahinter den undankbaren dritten Rang! Felix wird Vorarlberg bei der Entscheidung in Wien vertreten. Besonders bemerkenswert: Felix hat die Olympiade bereits zum zweiten Mal gewonnen! Wir gratulieren! 

Thema 2: Sollten wir uns nicht vor jedem abschließenden oder endgültigen Wissen hüten?

Judith Butler

Nun, sollte man sich vor der Gewissheit hüten, vor der absoluten Unumstößlichkeit einer Annahme, ihrer Richtigkeit? Zu versuchen scheinen wir es nicht, aber warum sollten wir auch? Sich vor der abschließenden, endgültigen Gewissheit zu hüten ist geradezu sinnlos, denn diese existiert. Sie existiert nicht universell, nicht als die eine Antwort auf die eine Frage. Sie existiert als die eine Antwort auf die eine Frage unter Berücksichtigung des Faktors Mensch in jedem einzeln.

 Jedoch bezieht sich endgültiges Wissen auf vieles, wenn man möchte auf alles. Es gibt Dinge außerhalb unseres Verständnisses, Dinge, die man eigentlich nur glauben kann oder nicht. Wir machen keine Anstalten aufzuhören, wissen zu wollen, die Glaubenden zurechtzuweisen oder zu bestätigen. Wir, die Menschheit als Gesamtes, wollen Antworten, einen Fixpunkt. Alles richtet sich nach Fragen aus und die Existenz einer zweiten Antwortmöglichkeit, oder die Unmöglichkeit ihrer Beantwortung ist nicht zu erfassen. Es gibt nur eine Antwort, ein Fragment des endgültigen Wissens. Und diese Lösung will natürlich bewiesen sein.

Ich sehe herum. Mein Bleistift ist einer, mit absoluter Gewissheit und bestem Gewissen kann ich das sagen, es stimmt eben auch. Er ist das, was ich mir unter einem Bleistift vorstelle, also ist er einer. Ich habe ein Wertesystem entwickelt, eine Einordnungstabelle. Alle Dinge durchlaufen sie und so sehr ich mich auch anstrenge, diese zu umgehen und losgelöst über etwas nachzudenken, so hat alles Aufgenommene diese bereits hinter sich und sind unwiderruflich eingeordnet. Natürlich lasse ich mich auch gerne korrigieren. Zwar werde ich kaum am Dasein meines Bleistiftes als Bleistift zweifeln, aber es ist ja nicht nur der. Es ist alles – alles, das ich glaube erfassen zu können, wird von mir vereinfacht und eingeordnet, anders geht es nicht. Vieles mag vielleicht unbeantwortet scheinen. Ich sehe mich selbst als auf der Suche nach Gewissheit, meinem absoluten Ziel, denn nur Gewissheit bietet Komfort. Aber eine Gewissheit existiert. Sie existiert in der Sprache, meiner Konstante. Ich habe für alles ein Wort, von dem ich glaube, dass es mehr oder weniger zur Situation oder zum Objekt passt. Und diesem Wort liegt eine Endgültigkeit zugrunde. Sobald ich ein Wort für etwas habe, ist es endgültig und für mich persönlich ganz eindeutig.

Aber bewegt man sich einen Schritt weiter von dem Gedanken der Zusammenfassung unserer Umwelt weg, so kommt man zu den Kontroversen, den Grenzfällen, die sich nicht so bedingungslos einteilen lassen wie ein Bleistift. Sie stecken bei jedem an einem anderen Ort in der Tabelle, oder sie bräuchten gar eine Erweiterung dieser. Geschlecht. Inwiefern hat der Begriff Berechtigung, sollte es wirklich eine radikale Einteilung in zwei Geschlechter geben, wo gehören Personen hin, die sich als außerhalb meines Registers sehen? Jedes endgültige Wissen, alles Absolute, ist in dem Moment unzureichend, da es als absolut angesehen wird. Dieses endgültige Wissen kann es nicht geben, da es nur für mich die Wahrheit darstellt. Für mich gibt es aber eine absolute Antwort: Denn wenn ich mir über die Definition von etwas Gedanken mache, muss ich es bis zu einem gewissen Grad erfasst haben und damit ich es erfasse kann,  vereinfache ich es zu Worten. Und diese Worte wiederum sind für mich, ob schlecht oder gut, die Einteilung. Ich könnte ja schlecht davon sprechen, was dieser Bleistift denn sonst sein könnte, wenn nicht ein Bleistift, wenn ich keine Bezeichnung für ihn hätte.

Alle diese Dinge weiß ich, durch die Sprache bin ich dazu fähig. Aber ich darf sie nicht wissen. Ich darf nicht für alles einfach ein Wort aus meinem Wortschatz ziehen und es dafür verwenden, denn ich kann es ja nicht wissen oder glauben. Das Paradox dabei ist, dass ich es weiß. Ich weiß vielleicht nicht genau, was es ist, aber wie es heißt, was eigentlich schon reichen sollte. Es sollte nicht nur reichen, es reicht absolut. Es reicht für mich, für meine Bedürfnisse. Wenn ich es einteilen kann, dann habe ich es erfasst, vielleicht nicht in all seiner Komplexität, aber mehr als genug. Ich  bilde ein kohärentes Bild von allem, die Worte sind meine Farben. Nicht überall gleich komplex, aber doch in sich stimmig und perfekt logisch zeichnet sich dieses Bild in meinem Kopf ab. Zumindest würde es das. Das Problem ist, dass sich dieses Bild von dem anderer Menschen unterscheidet und im Kontext des endgültigen Wissens lassen sich keine Kompromisse schließen. Es kann nur eine Antwort geben. Und für einen wunderschönen kurzen Augenblick gab es die auch innerhalb meines Geistes, meines Bezugssystems, aber sobald ich einen anderen Menschen hinzunehme, kann dieses Bild Lügen gestraft werden, es kann nicht mehr richtig sein, denn seines stimmt nicht überein.

Zwei Menschen, oder auch ein Vielfaches. Jeder mit Bezugstabelle als Farbenregister und Worten als Farben. Und jeder mit einem anderen Bild, jeder mit einem anderen Verständnis. Endgültiges Wissen ist so gut wie unmöglich, aber am nahsten kommt ihm wohl die Übereinstimmung möglichst vieler Felder. Beinahe jeder malt den Bleistift mit der Farbe Bleistift an und den Stuhl mit der Farbe Stuhl, obwohl hier sicher auch schon ein paar Menschen Sessel sagen werden. Aber bald hören die Gemeinsamkeiten auf, denn ich glaube nicht, dass jeder eine Situation, die ich ganz klar mit Liebe anmalen würde, diese auch so anmalen würde. Und hier wird es schon offensichtlich. Was ist diese Situation, es muss ein endgültiges Wissen darüber geben. Dieses Beispiel bezieht sich auf zwei Personen, eine Übereinstimmung wird zur gemeinsamen Wahrheit, zur endgültigen Wahrheit, denn das für diese zwischenmenschliche Erkenntnis benötigte Bezugssystem umfasst zwei Personen. Und endgültiges Wissen, wie wir es kennen, ist nichts anderes: Komplette Übereinstimmung der involvierten Personen in einer Hinsicht. Zur Beschreibung anderer Gegebenheiten brauche ich ein anderes Bezugssystem. Der Bleistift wird von allen als solcher gesehen, also ist er es. Jede Situation, jedes Ding bekommt seinen endgültigen Namen aus Übereinstimmung. Um eine endgültige Wahrheit, also das endgültige Wissen über etwas zu erlangen, muss man sich nur übereinstimmen, denn sobald jeder etwas weiß, darf ich es auch wissen, denn es ist absolutes Wissen.

Ich stimme also in vielen Feldern genug mit anderen Menschen und den sie umfassenden Bezugssystemen überein, um behaupten zu können, zu wissen, nicht nur in meinem eigenen Kopf zu wissen, also zu glauben, sondern wirklich etwas Akzeptiertes zu wissen.

Aber was ist der ganze Rest und wie viel ist dieses vermeintliche absolute Wissen wert? Mein endgültiges Wissen, also meine geteilte Auffassung mit anderen ist genauso viel oder wenig wert wie mein eigenes Farbregister – die Worte. Worte haben für jeden eine andere Wertigkeit, die sich nicht mit der Tabelle erfassen lässt und so kann die Verwendung eines anderen Wortes für eine bestimmte Gegebenheit nicht nur zeigen, dass man nicht übereinstimmt, sondern genauso gut, dass mit zweierlei Farben gemalt wird. Aber das Wort ist uns Einteilung genug, meistens zumindest, aber auch ein Wort, das als absolute Einteilung gilt, meint mehr als dieses Wort. Jeder verbindet Worte unterschiedlich mit Gegebenheiten und Emotionen und würde diese anders beschreiben. Worte eigenen sich hervorragend für ungefähre Übereinstimmungen und das Anfertigen meiner imaginären Zeichnung von Vorstellungen. Sie sind ein Rückhalt, ein Schutzmechanismus, der dafür sorgt, dass wir nicht nur verarbeiten können, was wir aufnehmen, sondern auch mit anderen vergleichen. Bei den ganz großen und gleichzeitig auch schwierigsten Fragen scheitert dieses System jedoch, denn es können zwar ungefähre Korrelationen festgestellt werden, die jedoch weder absolutes Wissen feststellen lassen, noch als dieses gesehen werden dürfen.

Bis zu den Worten lässt sich alles zurückverfolgen, von dem Vergleichen aller Zeichnungen an, aber hier geht etwas Entscheidendes verloren, nämlich die Rationalität eines echten Systems, einer einfachen Einordnung.  Hier kommt der Mensch ins Spiel. Der Mensch, der unabhängig wertet und einteilt, der sich selbst als einziger hinreichend versteht. Ein Individuum, dessen eigene Zeichnung der Welt als einzige Sinn ergibt, da sie noch um viele nicht semantische Aspekte erweitert ist. Aber sie kann nur vom Menschen selber verstanden werden und der Mensch lebt nicht in sich selbst, er sucht nicht nach seiner eigenen absoluten Wahrheit, denn die hat er eigentlich schon. Er sucht nach der ultimativen, allumfassenden Wahrheit, die immer angewandt werden kann. Und dieses Streben ist wichtig, denn es macht einen Menschen aus und vereinfacht, bietet die einzige Chance, das Leben außerhalb von sich zu erfassen.

Vor einer endgültigen Wahrheit sollte man sich nicht hüten, denn sie ist beinahe nicht durchführbar und wenn es sie doch gäbe, wäre sie wohl die langweiligste und am wenigsten konfliktreiche Sache der Welt. Die jetzigen vermeintlichen endgültigen Wahrheiten sind nur zufällig solche.  Man muss sich also nicht vor ihr hüten, man muss sich vor ihr fürchten. Denn die endgültige Wahrheit würde bedeuten, dass alle Menschen das gleiche Bild, die gleiche Vorstellung von Worten haben. Und wie schon ausgeführt, ist der Mensch – das, was ihn ausmacht und was er sein muss -, erst in der Erarbeitung dieser Wahrheiten zu erkennen und nutzt Gewissheit nur als Hilfsmittel. Absolute Wahrheiten würden absolute Übereinstimmung der Menschen bedeuten, was zu absolutem Individualitätsverlust führt und den Denkprozess stoppt. Wenn etwas wahr ist, dann ist es so, also höre ich auf zu denken. Endgültiges Wissen ruiniert den Menschen, nicht aber begründete Übereinstimmung, denn bei dieser wurde eine Vorstellung erarbeitet, die ver- und angeglichen wird und zwar vom Menschen selbst, also künstliches endgültiges Wissen, übereinstimmende Bilder.

Endgültiges Wissen ist nicht zu erreichen, nur das eigene Wissen und der Vergleich von diesem mit anderen. Die Ungenauigkeit macht das System aus, der eigentliche Spaß oder eben auch Konflikt liegt in der Erforschung und dem Finden der absoluten Wahrheit, nicht aber im Vorgeben einer endgültigen Wahrheit.